Interview mit Dr. Rudolf Neidert vom 27.04.2006

28.04.2006 | Katharina M.

Interview mit Dr. Rudolf Neidert Katharina Menzel: Guten Tag Herr Dr. Neidert. Bitte stellen Sie sich einmal vor. Dr. Rudolf Neidert: Mein Name ist Rudolf Neidert, und ich habe von 1970 an im Gesundheitsministerium in verschiedenen politischen Positionen gearbeitet. Die letzten fünf Jahre von 1995 bis 2000 als Leiter des medizinrechtlichen Grundsatzreferates mit Zuständigkeiten für das Recht der Biomedizin, vor allem das Recht der Fortpflanzungsmedizin. Danach war ich dann weiter auf diesem Gebiet mit Vorträgen tätig. Auch habe ich zusammen mit der FDP Bundestagsfraktion und für die deutsche Gesellschaft für Gynäkologie gearbeitet, immer mit dem Blick auf notwendige gesetzliche Änderungen. Katharina Menzel: Können Sie uns nun bitte auch erläutern, wie Ihre persönliche Position zum „Therapeutischen Klonen“ ist: Dr. Rudolf Neidert: Das therapeutische Klonen, das zu Recht von vielen als „Forschungsklonen“ bezeichnet wird, ist ein Stück Grundlagenforschung und unbedingt notwendig, um das Zusammenspiel zwischen Zeugung und Geburt in der Embryonalentwicklung zu verstehen. Katharina Menzel: Wie genau sehen die Chancen aus, dass das therapeutische Klonen erfolgreich sein wird, und wie beurteilen sie die Alternativen zum therapeutischen Klonen? Dr. Rudolf Neidert: Eine Alternative ist die Forschung an adulten Stammzellen. Hier sollte auf jeden Fall ein Schwerpunkt gesetzt werden, zumal der Forschung an embryonalen Stammzellen hier ja enge Grenzen gesetzt sind. Im Ausland wird zum Teil doch sehr viel unbefangener damit umgegangen. Katharina Menzel: Wenn das therapeutische Klonen erlaubt würde, wäre die weitere Forschung ja mit sehr hohen Kosten verbunden. Glauben Sie, dass gesellschaftliche Unterschiede damit noch vergrößert würden, weil ärmere Bevölkerungsschichten und Leute in Entwicklungsländern nicht genügend Geld zur Verfügung hätten? Dr. Rudolf Neidert: Die Kosten sind mit Sicherheit hoch. Das Argument mit den Entwicklungsländern ist zwiespältig. Die Früchte des therapeutischen Klonens kommen ja nicht nur uns im reichen Europa zu Gute. Wenn es mal in diesem Bereich zu einem Durchbruch käme, würden möglicherweise gerade für die Entwicklungsländer kostengünstige Therapien, also Nutzeffekte abfallen. Aber das weiß man natürlich noch nicht, wir sind noch im Bereich der Grundlagenforschung Katharina Menzel: Warum sollten Forschungen zugelassen werden, obwohl alle Visionen im Bezug auf therapeutisches Klonen sehr vage sind. Dr. Rudolf Neidert: Forschungsansätze sind immer gewagt, und man weiß nie was nach Jahren der Forschung herauskommt. Auch bei der Arzneimittelforschung gibt es Fälle, bei denen Jahrelang in die falsche Richtung geforscht wurde und wobei enorm investiert wurde, bis sich herausgestellt hat, dass sich der erhoffte Effekt nicht eingestellt hat. Es erfordert auf jeden Fall einen hohen Einsatz, auch wenn sich keine Therapieerfolge einstellen. Katharina Menzel: Glauben Sie, es gibt eine Möglichkeit eine gesetzliche Vereinbarung zu treffen, die das therapeutische Klonen erlauben würde, ohne andere Türen zu öffnen? Dr. Rudolf Neidert: Also gesetzlich kann man einen Riegel vorschieben, indem man klar abgrenzt. Das therapeutische Klonen müsste in seinem Tatbestand genauer beschrieben werden, und das reproduktive Klonen müsste klar verboten werden. Und ich denke schon, dass dieses gesetzliche Verbot als Damoklesschwert über jeden Forscher schweben würde. Katharina Menzel: Aber meinen Sie nicht, dass die Forscher dann nicht genügend Argumente auch für das reproduktive Klonen finden werden? Dr. Rudolf Neidert: Diese Gefahr ist immer gegeben. Im Sinne der „Salamitaktik“ besteht trotzdem eine gewisse Gefahr, dass Forscher auf die Idee kommen, immer einen Schritt weiter zu gehen. In anderen Bereichen ist es durchaus möglich, durch Gesetzesformulierungen andere Türen zu öffnen. Jedoch verstöße der Schritt, ein Kind durch Klonen zu zeugen, gegen ein sehr starkes Tabu. Somit ist davon auszugehen, dass keine wirkliche Gefahr besteht, dass vom therapeutischen Klonen Wege in Richtung des reproduktiven Klonens geebnet werden. Katharina Menzel: Halten Sie das Projekt für sinnvoll obwohl klar ist, dass wir mit unserem Votum keinen politischen Einfluss haben werden? Dr. Rudolf Neidert: Ich glaube, den Ehrgeiz werden Sie gar nicht haben, einen direkten politischen Einfluss zu haben, und einen indirekten Einfluss werden Sie mit Sicherheit haben. Gerade junge Leute, die kurz vor oder gerade im Berufsleben stehen und eventuell später mit solchen Bereichen zu tun haben, werden Einfluss haben. Oder wenn Sie gar Multiplikatoren sein werden, sollten sie sich schon mit solch zukunftsträchtigen Themen auskennen und in ihrem Auftreten sowohl einen sicheren Eindruck machen als auch Ihre Meinung sicher vertreten können. Es ist besonders wichtig, dass sich viele junge Menschen damit beschäftigen, weil gerade dieses Thema in 10 – 20 Jahren einen sehr hohen, auch politischen, Stellenwert haben wird. Katharina Menzel: Ich bedanke mich für dieses Interview!

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